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Kritische Anmerkungen zur Allergenkarenz:
 

Einem Allergologen mögen die folgenden Worte wahrscheinlich besonders scharf erscheinen. Ausgehend von einer psychotherapeutisch orientierten Denkweise - statt eine stringent medizinisch orientierten - ist es unser Wunsch eine interdisziplinäre Diskussion anzuregen.

Die medizinische Forschung hat ohne Zweifel Beachtliches geleistet. Der biologische (in-vitro) Mechanismus der allergischen Immunantwort ist umfangreich erforscht und über Mastzellstabilisierung und Mediatorantagonisten kann in diesen Prozess eingegriffen werden. Medizinisch werden allergische Symptome als Folge der freigesetzten Mediatoren oder der unterschiedlichen Zytokinprofile und ihrer Folgen angesehen. Umwelt- und Lebensfaktoren werden dabei in Bezug auf Schadstoffbelastungen und die Interaktion mit Allergenen verstanden. Sie wurden aber, wenn sie überhaupt betrachtet und in Überlegungen einbezogen wurden, bisher auf eine reaktive biologische Ebene reduziert.

So wird beispielsweise ein möglicher Zusammenhang zwischen dem zunehmenden Rückgang von Infektionen und dem gleichzeitigen Anstieg von allergischen Erkrankungen nur auf der "Zellebene" diskutiert. Infektionen schaffen ein Th1 Milieu, welches einem erhöhten IgE-Spiegel "vorbeugt". Dass es möglicherweise auch andere Mechanismen gibt, nämlich die Bereitschaft des Organismus, sich erregen zu lassen, wird dabei leicht vergessen.

Psychologische Faktoren dienten bisher einem einseitigen Ausschluss eines Placeboeffektes. Einschluss und Ausmaß von Placeboeffekten als gewünschte therapeutische Interventionen wurden bisher wenig erforscht.

Dabei werden Forschungsergebnisse - getrieben von der Hoffnung Zusammenhänge zu finden, die eine mögliche Therapie und damit Hilfe für den Patienten ermöglichen, gern monokausal als Beweise interpretiert, obwohl bestenfalls die Nullhypothese zurückgewiesen werden kann. Dies ist verständlich, hat jedoch oftmals weitreichende Folgen, da widersprüchliche Einzelergebnisse, wie durch "Spontanremissionen" oder eklatante Unterschiede zwischen dem "subjektiven" Befinden und dem "objektiven" Befund selten zur Rücknahme einer einmal veröffentlichten Kausalattribution (Ursache-Wirkungs-Erklärungen)führen.

Selbstkompetenz und Kausalattribution sind nämlich nicht nur auf den Patienten beschränkt, sondern beeinflussen Therapeuten ebenfalls. Vermutlich werden alle Therapeuten dazu neigen, eine Symptomverbesserung monokausal ihrer persönlichen Behandlung und Fachkompetenz zuzuschreiben, dagegen Misserfolge eher externen Faktoren. Deutungen durch Therapeuten in Richtung "mangelnde Compliance" oder "Widerstände" weisen m.E. auf diesen Zusammenhang hin.

Vorherrschend ist trotz der Erkenntnisse der Psychoneuroimmunologie nach wie vor der Mythos über die Trennung von Geist und Körper. Daher stellen wir mit Erschrecken fest, dass mit zunehmender Forschung und zunehmenden Erkenntnissen der biologischen Mechanismen alternative Erklärungsmodelle unter dem Mantel der disziplinären Wissenschaft mehr und mehr ausgeklammert werden. Während Nasemann m.E. in den 80iger Jahren noch von Exposition, Konstitution und Disposition als gemeinsame, die Allergie verursachenden Faktoren sprach, unterschlagen neuere Lehrbücher (Klimek,1998, Heppt,1998), dass der Dispositionsfaktor eine relevante Größe sein könnte. Andere erwecken den Eindruck, durch eine kausale physiologische Erklärung sei eine psychologische Beteiligung ausgeschlossen. So auch Nolte mit seiner Aussage:
"Abschließend sei aber noch einmal vor einer ungerechtfertigten Übergewichtung psychologischer Faktoren gewarnt. Für viele Beobachtungen an Asthmatikern, die früher psychologisch interpretiert worden sind, gibt es heute wissenschaftlich gut fundierte physiologische Erklärungen." (Nolte Dietrich, 1995, S. 61)

Allerdings ist so die Komplexität der in-vivo Mechanismen trotz der gut fundierten physiologischen in-vitro Erklärungen, bisher von keiner Fachdisziplin ausreichend erklärt.

"Der Faktor der Psyche bleibt wissenschaftlich unzureichend geklärt. Inwieweit psychosomatische Störungen in der emotional-affektiven Verarbeitung zu einer meßbaren nasalen Hyperreaktivität führen, ist derzeit unklar [31]." (Heppt W.,1997, Seite 194)

Wissenschaftlich ungeklärt bleibt weiterhin die Frage, ob bei einem gesunden Patienten eine allergische oder asthmatische Reaktion durch psychologisch bedeutsame Ereignisse ausgelöst werden kann.

In Bezug auf Asthma erscheint in zwei von drei klinischen Asthmadefinitionen ein Wirkfaktor, der durch den Begriff spontan erklärt wird. Schlägt man diesen Begriff im Duden nach, entsteht die Frage, wie diese Spontanität zu erklären ist.

"spontan (lat.) von selbst; von innen heraus, freiwillig ohne Aufforderung, aus eigenem plötzlichem Antrieb; unmittelbar."(Duden 5, Fremdwörterbuch, 1992)

Ein monokausaler Zusammenhang zwischen der Allergenexposition und der Symptomreaktion ist daraus allerdings nicht abzuleiten, sondern eher der Einfluss psychischer Faktoren. Eine allergische Reaktion könnte auch eine kausale Reaktion auf eine der folgenden psychischen Aktivitäten sein:

  • Wahrnehmung und Bewertung von Reizen,
  • Konditionierung auf Auslösereize,
  • Kognitionen und
  • Emotionen

Nimmt man diese o.g. als gleichberechtigte psychophysiologische Auslöser für Immunfunktionen an, eröffnet sich ein neuer Betrachtungswinkel.

Über das Zentralnerven- und Hormonsystem könnte über die Veränderung des Zytokinprofils ein Feedforward-Effekt (Im Voraus Lerneffekt) etabliert werden. So kann eine allergische Immunantwort ausgelöst oder verhindert werden, welche natürlich auch physiologisch nachzuweisen ist.
Somit kann ein Feedforward-Effekt als Lernmechanismus des Immunsystems verstanden werden, der ähnlich wie bei einer Impfung und der erfolgreichen Behandlung durch eine Hyposensibilisierung in die physiologischen Prozesse eingreift.

Ein Feedforward-Effekt kann sicherlich durch Klassische Konditionierung und sehr wahrscheinlich auch durch eine Veränderung in den emotionalen und kognitiven Prozessen erreicht werden. Eine mögliche Beteiligung von psychischen Prozessen an der Ausprägung des Zytokinprofils und/oder einer anderen physiologisch induzierten Feedforward-Regulation, wurden nach unserer Kenntnis bisher nicht oder nur unzureichend untersucht.

Unter Berücksichtigung dieser Theorie ist jede Pollenflugvorhersage für ängstliche Menschen eine Einladung (ein möglicher psychischer Konditionierungsauslöser) in die allergische Immunantwort.

Auch die vielfach propagierte Allergenkarenz ist in diesem Zusammenhang eine zwiespältige Maßnahme. Karenz ist schwer zu realisieren und führt bei übertriebener Angst vermutlich zu einer Verstärkung der Hilflosigkeit und einer Verstärkung der Symptome. Auch wenn sie allgemein als therapeutische Intervention akzeptiert ist, so stellt sie lediglich eine Vorsichtsmaßnahme dar. Zur Erklärung eine Metapher:

Eine allergische Reaktion ist mit der Unfähigkeit nicht Schwimmen zu können vergleichbar. Entweder, weil man als Kind noch kein Schwimmen gelernt hat oder aufgrund eines Ereignisses (z.B. nach einem Schlaganfall oder schweren Verletzung) jetzt Defizite in der Motorik besitzt. Sicherlich ist es dann ratsam tiefe Gewässer zu meiden oder beispielsweise Kindern das Spielen am Wasser zu verbieten (Karenz). Es ist jedoch keine Problemlösung (keine Therapie), sondern eine auf Hilflosigkeit und Furcht begründete Vorsicht. Das Anlegen von Schwimmwesten und Schwimmflügeln ist eine gute Hilfe vor dem Ertrinken (Antihistamin, Augentropfen etc.), bietet jedoch noch keine dauerhafte Lösung des Problems. Bisher gibt es für einige Menschen zeitlich aufwendige Tauchlehrgänge (Hyposensibilisierungen). Etwa 50% der Menschen, die diese Kurse bis zum Ende durchhalten, erlernen dadurch auch das Schwimmen (sind therapiert) und finden einen neuen Umgang mit der Materie Wasser. Die Anderen erleben vermutlich eine Verstärkung ihrer Angst und Hilflosigkeit. Wir sind davon überzeugt, dass bei Berücksichtigung psychologischer Faktoren gezielter Schwimmen erlernt werden kann! In jedem Fall ist ein Schwimmkurs (Therapie) sicherlich die bessere Lösung, da er zu einem angemessenen und freudigen Umgang mit Wasser führen kann.

Genaue Erklärungsmodelle zu erarbeiten, welche die möglichen Einflussfaktoren auf immunologischer Ebene erforschen, ist eines unserer Ziele und zukünftigen Studien vorbehalten. Da bei allergischen und asthmatischen Reaktionen eine Beteiligung psychischer Faktoren eindeutig nicht ausgeschlossen werden kann, ist eine stärkere interdisziplinäre Vernetzung zwischen Medizinern, Immunologen und Psychologen dringend notwendig.

 

DGPA - Deutsche Gesellschaft für Psycho-Allergologie e.V.